Tunesien

Wir fuhren dann doch nicht nach England. Beim Stöbern im Internet war ich auf eine interessante Superlastminute-Reiseangebotsseite gestossen. Der Slogan: ab 20 Uhr buchen, in 72 Stunden abheben und bis zu 75% sparen ließ meinen Mann die Sehnsucht nach England vorläufig vergessen, hauptsächlich, weil keine Angebote für England dabei waren.
„Man muß eben spontan und flexibel sein“, sagte mein Mann lakonisch. „Und wer weiß, ob nicht schon morgen ein Angebot für England dabei ist.“ „Na hoffentlich nicht“, dachte ich heimlich, aber kein bisschen schuldbewußt.

Aufgeregt studierten wir in den nächsten Tagen pünktlich um 20 Uhr die bewußte Internetseite, und als es dann soweit war, entschieden wir uns ganz spontan für 11 Tage Tunesien, das einzige Angebot, das zeitlich mit unserem Urlaub zusammenpasste.
Es wurde dann noch ziemlich hektisch, weil wir die Reisevorbereitungen in kürzester Zeit erledigen mußten, und es flossen auch ein paar Tränen, als ich das Bügeleisen, den Wintermantel, die Kaffeemaschine und noch ein paar andere Sachen wieder auspacken mußte, aber die Fahrt nach Leipzig zu unserem Flughafen, zu der wir nachts um 1 Uhr aufbrachen, verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. In weniger als 7 Stunden waren wir da.
Die Wartezeit von 3 Stunden bis zum Abflug verkürzte ich mir mit einigen Tassen Kaffee, zu Horrorpreisen, wie mein Mann stöhnte, dann konnten wir endlich einchecken. Es dauerte ungefähr noch eine halbe Stunde, bis ich die 11 Feuerzeuge, die beim Durchleuchten der Koffer beanstandet worden waren, gefunden und abgegeben hatte, dann saßen wir endlich im Flieger.

Es war unser beider Jungfernflug, und ich starrte voller Erwartung aus dem Fenster in den strahlenden Sonnenschein, der über dem Rollfeld lag. Der Regen war verschwunden, einen Tag, nachdem wir unseren Urlaub gebucht hatten. Bisher hatte ich noch keine Zeit gefunden, die herrlichen 25° zu genießen, doch dafür würde mich schon in wenigen Stunden die heiße Sonne Afrikas entschädigen.
Das Flugzeug begann zu rollen, es rollte und rollte.... „Sag mal, fliegen wir nun nach Afrika oder fahren wir?“ fragte ich meinen Mann, der irgendwie stocksteif und ziemlich blaß neben mir saß. Er gab keine Antwort und ich schaute ihn mitfühlend an. Na, in Afrika würde er sicher schön braun werden.

Irgendwann, nach endlosem Rollen, hoben wir dann doch noch ab. Mein Mann hatte mir großzügig den Fensterplatz überlassen, und so preßte ich aufgeregt meine Nase gegen die Scheibe, um ja nichts zu verpassen.
Steil stieg die Maschine nach oben. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich wie in einer Loopingbahn, es kitzelte im Bauch und es war mir, als hätte ich Watte in den Ohren, als kämen alle Geräusche aus ganz weiter Ferne.
Ich kicherte glücklich und machte mich innerlich schon auf die erste Talfahrt gefaßt, als mir wieder einfiel, daß ich in einem Flugzeug saß und ein Sturz nach unten wohl doch nicht so angebracht wäre in diesem Moment.
Zum Glück wußte der Flugkapitän das auch und setzte brav seinen Flug nach oben fort, bis wir irgendwann in horizontale Lage kamen und geradeaus weiterflogen. Ich nannte es für mich geradeaus, denn hier oben konnte man keine Richtung mehr erkennen und ich wollte einfach nicht die Orientierung verlieren. Damit hab ich auf der Erde schon genug Probleme.

Schnell war die Landschaft unter uns immer kleiner geworden, sah zum Schluß aus wie eine riesengroße Patchworkdecke, um dann endgültig unter einer scheinbar endlosen Wolkendecke zu verschwinden. Ich amüsierte mich noch eine Weile damit, die unterschiedlichen Wolkenformen zu betrachten und spähte angestrengt durch die Lücken in den Wolken nach unten in der Hoffnung, dort vielleicht einen Menschen zu entdecken, der sehnsuchtsvoll zu uns heraufwinken würde. Ich hätte natürlich huldvoll zurückgewinkt.
Als mir dann aufging, wie albern das war, schüttelte ich ärgerlich über mich selbst den Kopf und ließ mich langsam in meinen Sitz zurückgleiten. Dabei fiel mir ein, daß vielleicht noch jemand gerne nach unten gespäht hätte. Schuldbewußt schielte ich zu meinem Mann hinüber. Er saß kerzengerade auf seinem Platz, immer noch sicher angeschnallt, und war scheinbar konzentriert in sein Buch vertieft. „Ist dieser Mann denn gar nicht neugierig?“ fragte ich mich im Stillen, „dies ist doch auch sein erster Flug. Na egal, dann kann ich mir das schlechte Gewissen ja schenken.“

Als wenig später die Stewardess das Frühstück verteilte, aß ich meine gesamte Portion hungrig auf. Es war zwar alles ein bißchen umständlich und eng, aber bedient zu werden regt nun mal meinen Appetit an. Mein Mann hingegen rührte sein Frühstück nicht an, obwohl er doch genauso hungrig sein mußte wie ich. Er sah es nur angeekelt an und murmelte etwas von Flugzeugessen....Lebensmittelvergiftung...keine Lust, in Afrika im Krankenhaus zu landen... und las einfach stur in seinem Buch weiter, ohne sich weiter um mich zu kümmern. Ich finde, manchmal übertreibt er seine Krüschheit wirklich und erfindet dafür die seltsamsten Ausreden.
Ich ließ es mir jedenfalls schmecken und hatte mir gerade die vierte Tasse Kaffee von der Stewardess nachschenken lassen, als es plötzlich merklich dunkler im Flugzeug wurde. Vor dem Fenster türmten sich schwarze Wolken auf, und donnernd begannen dicke Regentropfen gegen die Scheibe zu trommeln. Das Flugzeug begann zu schaukeln wie ein Schiff bei Windstärke 10 und ich hatte Mühe, meinen Kaffeebecher geradezuhalten.

„Meine Damen und Herren“, erklang die Stimme unseres Kapitäns aus den Lautsprechern, „wir haben das Mittelmeer überquert und befinden uns über Afrika. In wenigen Minuten werden wir unseren Zielflughafen erreichen. Wie Sie sicher schon bemerkt haben, hat sich über Nordafrika eine Schlechtwetterfront gebildet. Bei unserer Ankunft wird es also regnen und die Temperaturen werden etwa 15°C betragen. Nach einer mehrmonatigen Trockenzeit werden die Tunesier hocherfreut sein über den Regen, Sie aber können sich damit trösten, daß morgen schon wieder die Sonne scheinen wird.“

Ich hörte nicht weiter zu, starrte nur betrübt aus dem Fenster und dachte darüber nach, wie lächerlich ich wohl aussehen würde mit meinem von Sonnencreme Schutzfaktor 30 glänzenden Gesicht im strömenden Regen mitten in Afrika. Wehleidig blickte ich zu meinem Mann hinüber, der immer noch stocksteif dasaß und merkwürdig grün im Gesicht aussah. Er würde doch wohl nicht ausgerechnet jetzt eine Magenverstimmung bekommen? Er hatte das Bordfrühstück doch gar nicht angerührt.
Worüber er wohl die ganze Zeit nachgrübelte? Ich fragte lieber nicht nach, denn ich hatte keine Lust auf Bemerkungen wie: „Wenn es sogar in Afrika regnet, hätten wir genausogut nach England fahren können...“

Kaum auf dem Flughafen angekommen, wurde mein Mann wieder lebendig, kümmerte sich um unser Gepäck, sorgte dafür, daß wir in das richtige Auto einstiegen, das uns zum Hotel bringen sollte und war strahlendster Laune, während ich wie ein begossener Pudel hinter ihm her trottete. „Wie kann man nur durch den Regen marschieren und dabei vor sich hin grinsen?“ fragte ich mich verbittert. „Männer sind manchmal wirklich schwer zu verstehen.“

Während der 1-stündigen Fahrt zu unserem Hotel starrte ich erwartungsvoll aus dem Fenster, bereit, schon mal diesen oder jenen Blick auf die Sehenswürdigkeiten Tunesiens zu erhaschen. Doch statt der erwarteten Kamele, Bauchtänzerinnen, mit Tonkrügen beladenen Esel oder säbelschwingenden Beduinen sah ich nur endlose Kolonnen von gelben Taxis, die vor und hinter uns das Straßenbild beherrschten. Keine armseligen Lehmhütten säumten den Straßenrand, sondern Hotel um Hotel zog an meinem staunenden Blick vorbei. Es schien mir, als erwarte man in Tunesien die halbe Welt bei sich zu Gast. Na meinetwegen, dachte ich. Hauptsache, niemand macht uns unser so günstig ergattertes Zimmer streitig.

Im Hotel angekommen, erledigten wir die üblichen Formalitäten und wurden von einem dienstbeflissenen jungen Afrikaner auf unser Zimmer geführt. Er stöhnte und ächzte herzerweichend unter der Last unserer Koffer, guckte meinen Mann aber empört an, als dieser sich erbot, einen der Koffer selbst zu tragen. So etwas nenne ich Arbeitsmoral, das gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr.

Im Zimmer angekommen, wuselte er diensteifrig herum, zupfte hier, richtete da und machte keinerlei Anstalten, zu gehen. Als wir ihm auf deutsch mitteilten, daß alles in bester Ordnung sei, zuckte er nur nichtverstehend mit den Schultern und fuhr fort, Gardinen zurechtzuzupfen und die Kopfkissen zum dritten Mal aufzuschütteln. Endlich dämmerte es meinem Mann. „Der wartet bestimmt auf ein Trinkgeld“, wandte er sich bestürzt an mich, „aber wir haben doch noch gar kein tunesisches Geld. Ob wir ihm einfach 10 Mark in die Hand drücken können?“ Der nette Kofferträger ließ das Handtuch fallen, das er gerade zum viertenmal ordentlich zusammenlegen wollte, ging auf meinen Mann zu, nickte bejahend mit dem Kopf und baute sich erwartungsvoll vor ihm auf. „Wir können“, grinste ich erleichtert und kurz darauf waren wir endlich alleine.

An diesem Tag waren wir zu erschöpft, um uns noch großartig auf unbekannte Abenteuer einzulassen. Nach dem Abendessen zogen wir uns gleich auf unser Zimmer zurück. Inzwischen war es richtig kalt geworden, und der Regen trommelte monoton an die Scheiben. Zum Glück hatte das Zimmer eine Klimaanlage. Mein Mann stellte sie an, drehte den Regler auf heiß, und nach kurzer Zeit war es mollig warm im Zimmer. Wir kuschelten uns im Bett zusammen, stellten den Fernseher an und schliefen bei der wohlvertrauten Werbung von RTL II zufrieden ein. (Fortsetzung folgt)


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