Torten- und andere Schlachten

„Diese Schwarzwälder Kirschtorte ist wie immer köstlich, Lisa. Wenn ich etwas an dir loben muß, dann sind es deine Backkünste“, stöhnte Emma Rahmpott wohlig. Sorgfältig legte sie die Kuchengabel neben den leeren Kuchenteller, um anzudeuten, daß diesem Stück Torte unverzüglich noch weitere folgen würden und tupfte sich geziert mit der Serviette über die vollen Lippen.
„Danke, meine Liebe, für dich und Doris ist mir eben keine Mühe zuviel“, winkte Lisa Müller ab, während ihr Gesicht für einen kurzen Moment die Farbe einer überreifen Tomate annahm.
„Nun sei doch nicht immer so ängstlich,“ schalt sie sich innerlich. „Du hast den Karton, in dem der Kuchen vor drei Stunden geliefert worden ist, zerrissen und draußen in die Mülltonne gestopft. Emma kann also nicht wissen, daß du die Torte nicht selbst gebacken hast...diese nicht und alle anderen zuvor auch nicht.“
Um ihre Unsicherheit zu überspielen, griff sie zur Kaffekanne und füllte die Tassen nach.
„Und wo bleibt die liebe Doris?“, ereiferte sich Emma. „Sie ist doch sonst nicht so unpünktlich. Wenn sie nicht bald kommt, wird sie von der schönen Torte nichts mehr abbekommen.“
Lisa reagierte automatisch auf dieses Stichwort und schob Emma unaufgefordert ein neues Stück Kuchen auf den Teller.
„Sie wird schon noch kommen“, beruhigte sie die Freundin und wirkte plötzlich ganz aufgeregt. „Weißt du, was sie mir heute vormittag am Telefon erzählt hat? Sie hätte eine Riesenüberraschung für uns. Die Augen würden uns aus dem Kopf fallen, hat sie geprahlt. Ich konnte aber kein weiteres Wort aus ihr herausbekommen. Hast du eine Ahnung, was sie damit gemeint haben könnte?“

Gespannt wartete Lisa, nervös auf ihrem Stuhl hin- und herruckelnd, auf Antwort. Emma, die sich gerade ein großes Stück Torte in den Mund geschoben hatte und geräuschvoll darauf herumschmatzte, ließ sich jedoch Zeit, leckte sich erst einmal sorgfältig die Sahne aus den Mundwinkeln, sah für einen kurzen Moment irritiert auf den leeren Teller ihrer Gastgeberin und schüttelte dann unwillig den Kopf, wobei ihre Doppelkinne schwabbelnd hin- und herschaukelten. „Die immer mit ihren Überraschungen. Was will sie denn diesmal mit uns anstellen“, ereiferte sie sich und vergaß vor lauter Missfallen, ihrem Seelentröster die sonst übliche Aufmerksamkeit zu schenken.
„Kannst du dich noch erinnern, was sie uns das letztemal als ihre neueste Überraschung präsentiert hat?“ keifte sie weiter. „Ihre Überraschung bestand darin, daß Sie uns drei Becher voll mit einer undefinierbaren Pampe auf den Tisch stellte, direkt neben die Heidelbeersahnetorte, und erklärte, dies sei die neueste, wissenschaftlich getestete, garantiert funktionierende, gesundheitlich völlig unbedenkliche Superdiät, die aus jeder fetten Tonne in kürzester Zeit ein superschlankes Mannequin machen würde. Wir müßten nur die Torte stehenlassen und stattdessen dieses Zeugs essen.“

Ein abgrundtiefer Schnaufer der Empörung entwich Emmas Mund und schwebte noch minutenlang angeekelt über der Kaffeetafel, während Emma mit ihrer Anklage fortfuhr.
„Fette Tonnen hat sie uns genannt. Ausgerechnet Doris, die doch mit Abstand die Dickste von uns ist, nennt mich....und dich natürlich auch eine fette Tonne. Und dann versucht sie auch noch, uns zu überreden, die Diät mit ihr gemeinsam durchzuhalten. Weißt du noch, wie ich ihr daraufhin den Marsch geblasen habe?“
Emma redete sich langsam in Rage und piekste bedrohlich mit der Kuchengabel in der Luft herum.
„Wenn du der Meinung bist, eine Diät machen zu müssen, dann lass dich nicht aufhalten, habe ich ihr gesagt. Du magst es ja nötig haben, liebe Doris, habe ich ihr gesagt, denn du bist ja weiß Gott ziemlich fett. Aber laß mich und Lisa dabei aus dem Spiel und verdirb uns nicht unser gemütliches Kaffeekränzchen mit so einem Unfug. Kannst du dich noch erinnern, Lisa, was danach passiert ist?“

Emma hörte auf zu wallen und zu fuchteln und warf Lisa einen fragenden Blick zu. Diese nickte mechanisch, ohne zu antworten und starrte nachdenklich auf die Torte.
Unbeeindruckt fuhr Emma fort zu lamentieren: “Fängt dieses verrückte Frauenzimmer doch glatt an zu heulen und gesteht uns, daß sie sich in ihren Hausarzt verliebt hat, daß der ihr aber schon jahrelang predige, sie müsse abnehmen. Früher habe sie diese Worte geflissentlich überhört, doch jetzt sei eben alles anders, und sie hätte sich doch nur ein bißchen Unterstützung von ihren besten Freundinnen erhofft.“
Emma bemerkte jetzt die leere Gabel in ihrer Hand, blickte sehnsüchtig auf ihr Kuchenstück, entschloss sich aber standhaft, zuerst ihre Moralpredigt zu beenden, und das war mit vollem Mund wenig wirkungsvoll, wie sie aus langjähriger Kaffeeklatscherfahrung wußte.

„Meine liebe Doris, habe ich ihr gesagt“, fuhr Emma fort, in ihren Erinnerungen zu kramen, „meine liebe Doris, das ist ja alles gut und schön. Natürlich sind wir deine Freundinnen und du darfst uns auch gerne alles über deine Liebe zu diesem Arzt erzählen, nein, du mußt es uns uns sogar erzählen, jetzt, wo du schon mal damit angefangen hast. Aber verlange bitte nicht von uns, daß wir deinetwegen das Essen aufgeben....das einzige Vergnügen, daß ich in diesem Leben noch habe, seit ich Witwe bin. Und Lisa ist auch keine Kostverächterin, sie wird da auch nicht mitmachen. Weißt du noch, Lisa, wie beleidigt sie da war? Was sie mir alles an den Kopf“ ... Emma unterbrach jäh ihren Redeschwall und blickte empört auf ihre vor sich hinstierende Freundin. „Lisa....Liiiesaaa, du hörst mir ja überhaupt nicht mehr zu. Wo bist du denn plötzlich mit deinen Gedanken?“, quengelte sie vorwurfsvoll.

Lisa riß erschrocken die Augen auf, blickte schuldbewußt in Emmas strafende Augen und seufzte unglücklich auf. Emma nutzte die Zeit, um sich schnell eine Gabel voll Kirschtorte in den Mund zu schieben und wartete zufrieden schmatzend auf eine Erklärung.
„Ach Emma“, erzählte Lisa weinerlich, „ich hatte heute nachmittag, als ich aus der Bäckerei kam....ach Quatsch,“ verbesserte sie sich hastig. „Siehst du, wie durcheinander ich bin? Ich meinte natürlich, als ich an der Bäckerei vorbeikam, da hatte ich so ein komisches Erlebnis, das will und will mir nicht aus dem Kopf gehen. Vielleicht hat diese Frau ja Recht mit dem, was sie mir vorgeworfen hat. Doris hat es ja auch schon gesagt, das hast du selbst gerade bestätigt. Aber du mußtest es mir ja ausreden, auf sie zu hören. Du hast mir eingeredet, daß wir beide nur etwas vollschlank sind. Dicke sind gemütlich, hast du gesagt und wenn uns einer lieben will, muß er uns so nehmen, wie wir sind. Damals hab ich dir das auch geglaubt, aber jetzt weiß ich wirklich nicht mehr, ob das so richtig war...nach allem, was mir diese Frau an den Kopf geschmissen hat.“
Lisa seufzte erneut und schaute verwirrt auf ihren immer noch unbenutzten Teller.

„Moment, Moment, Moment mal.....“, zeterte Emma, die während Lisas vorwurfsvoller Anklage ungerührt ihr Tortenstück verschlungen hatte und nun mangels Kuchenmasse wieder mit ihrer Gabel in der Luft herumfuchtelte. „Du warst doch froh damals, daß ich dir diese Hirngespinste von Doris ausgeredet habe und wir unsere regelmäßigen Kaffeekränzchen fortsetzen konnten. Doris hat es ja auch nicht lange durchgehalten mit ihrer Diät und ist schnell wieder zu uns zurückgekommen....dabei fällt mir ein, daß sie sich in letzter Zeit überhaupt nicht mehr blicken lassen hat, macht die etwa schon wieder eine neue Diät? Oh Gott, bloß das nicht. Diese Frau geht mir wirklich langsam auf die Nerven mit ihren unlustigen Überraschungen.“
Emma verdrehte angewidert die Augen und blickte, als keine Reaktion von Lisa kam, kopfschüttelnd auf das Häufchen Unglück, das ihr gegenübersaß.
„Ach ja, welche Frau hat dir etwas an den Kopf geschmissen? Jetzt erzähl mal der Reihe nach, aus deinem Wirrwarr wird ja kein Mensch schlau“, forderte sie barsch, beugte sich schnaubend über den Tisch, zog die Tortenplatte zu sich heran und füllte sich ein drittes Stück auf ihren Teller, während Lisa, aufgeschreckt durch Emmas Ton, eiligst zu erzählen began:

„Ja also, das war so. Ich war in der Stadt, um noch einige Besorgungen zu machen für unser heutiges Treffen. Plötzlich, ich ging gerade an der Bäckerei vorbei, kam mir eine Frau entgegen. Na schön, wirst du sagen, daß ist ja wohl nichts Ungewöhnliches mitten in der Stadt. War es aber doch, denn diese Frau fuhr auf einem Mofa, mitten auf dem Bürgersteig, und an der Hand hielt sie einen kleinen Jungen, der neben ihr herlaufen mußte. Der kleine Kerl war krebsrot im Gesicht und ächzte und keuchte zum Gotterbarmen, weil er kaum noch Luft bekam. Ich war so erschrocken, daß ich abrupt stehenblieb und die Frau mich fast umgefahren hätte. Kannst du dir diese unmögliche Situation vorstellen?“

Emma konnte, man sah es ihr an. Die Hand mit der gefüllten Kuchengabel war auf halbem Weg zum Mund stehengeblieben und Emma saß da mit offenem Mund und staunte.
Befriedigt über die Reaktion ihrer Freundin fuhr Lisa fort:
„Genauso wie du jetzt dasitzt mit offenem Mund, so habe ich dort gestanden mit offenem Mund und konnte mich keinen Zentimeter mehr bewegen.“
Bei dieser Bemerkung erwachte Emmas Arm aus seiner Erstarrung und setzte automatisch seinen Weg fort, durch jahrelanges Training darauf dressiert, Erfüllungsgehilfe zu sein für Emmas Bedürfnis, ihren offenen leeren Mund unverzüglich mit etwas Eßbarem zu füllen.

Lisa, an diesen Anblick gewöhnt, ließ sich davon nicht irritieren und fuhr aufgeregt fort:
„Wie gesagt, die Frau auf dem Mofa konnte gerade noch rechtzeitig bremsen und starrte mich böse an, während sie gleichzeitig an dem Kind, das sie fest an ihrer Hand hielt, herumzerrte, als ob sie es um jeden Preis in Bewegung halten wollte. Dann schrie sie mich plötzlich an:
Nun machen Sie schon Platz, sie fette Qualle. Sie behindern mit ihren überflüssigen Pfunden den Trainingslauf eines zukünftigen Olympiasiegers und Weltmeisters. Bei diesen Worten zerrte sie noch mehr an dem Kind herum, um zu demonstrieren, wer mit dem Sieger gemeint war. Das Kind indess sah mehr wie ein Häufchen Unglück denn wie ein strahlender Siegertyp aus und versuchte stolprig, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Mutter ignorierte das und schrie mich weiter hysterisch an, während ich wie hypnotisert vor ihr stand. Ich konnte nur noch einzelne Worte verstehen, denn ihre Stimme war in ein schrilles Kreischen übergegangen. Jüngster Spitzensportler aller Zeiten, verstand ich, Ruhm und Ehre, die Welt würde der Mutter eines erfolgreichen Superstars endlich den nötigen Respekt entgegenbringen müssen, Ihnen, damit meinte sie mich, könnte ein bißchen mehr Bewegung auch nicht schaden.....ich weiß wirklich nicht, was sie noch alles geschrien hat.“

Lisa mußte an dieser Stelle erst einmal nach Luft schnappen, denn sie hatte sich ganz schön in Rage geredet. Ihr Gesicht war rot angelaufen und ähnelte dem des Jungen aus ihrer Erzählung.
Emma hatte ihre Verblüffung schnell überwunden und sich inzwischen die Pralinenschachtel neben ihren Teller gezogen. Nun kreiselte sie wählerisch mit dem Zeigefinger über den erlesenen Köstlichkeiten, während sie Lisa gleichzeitig aufmunternde Blicke zuwarf. Lisa, die sich nicht sicher war, ob diese Blicke eine Aufforderung zum Essen oder zum Weitererzählen sein sollten, entschied sich für das letztere.

„Inzwischen hatte sich eine größere Menschenmenge um uns versammelt, die neugierig die Szene begaffte“, fuhr sie also fort. „Plötzlich fühlte ich mich zur Seite geschoben, und ein schon etwas älterer Mann näherte sich mit wütendem, entschlossenem Gesichtsausdruck der Siegermutter. Diese mußte ihn aber schon vor mir wahrgenommen haben, denn noch bevor der Mann sie erreichen konnte, hatte sie kurzentschlossen das jetzt weinende Kind gepackt, zu sich aufs Mofa gezogen, hatte Gas gegeben, war an der Menschenmenge vorbei auf die Straße gekurvt und kurz darauf im Verkehrsgewühl verschwunden.
Sie haben keinen Helm auf, das ist verboten, schrie ich ihr noch nach, denn ich wollte auch etwas Passendes zu der Situation beitragen. Aber das hat sie bestimmt nicht mehr gehört.“

Lisa saß jetzt mit vor der Brust verschränkten Armen kerzengerade auf ihrem Stuhl und sah Emma herausfordernd an. „Und was sagst du nun zu dieser Geschichte?“ fragte sie agressiv, „hat diese Frau nun Recht oder nicht?“

„Ja weißt du.....“, Emma zögerte kurz, denn sie war es nicht gewohnt, sich über Politik oder Sport oder den Ehrgeiz wildfremder Menschen den Kopf zu zerbrechen. „Ich finde, diese ehrgeizigen Sportlermütter haben alle eine Schraube locker“,entschloß sie sich dann doch zu einer Stellungnahme. „Dieses arme Kind kann einem schon irgendwie leid tun...“.

Weiter kam sie nicht mit ihrem Kommentar, denn Lisa unterbrach sie wütend:
„Welches arme Kind denn? Wovon redest du überhaupt? Dieses arme Kind, wie du es nennst, wird eines Tages reich und berühmt sein, das hat seine Mutter doch deutlich genug klargestellt. Aber das ist mal wieder typisch für dich. Du hast lieber Mitleid mit fremden Kindern, die es gar nicht nötig haben, statt deine beste Freundin zu bedauern, die es nun wirklich verdient hat. Hast du nicht gehört, was diese Mofaziege zu mir gesagt hat? Fette Qualle hat sie mich genannt. Und Fettkloß...und Fleischberg....das habe ich vorher nicht erwähnt, weil ich dachte, das Wort fette Qualle würde dich schon genug schockieren. Aber das eine sage ich dir...,“ Lisa krallte sich an der Tischkante fest, beugte sich entschlossen nach vorne und fixierte Emmas schokoladeverschmierten Mund.
„Jetzt ist endgültig Schluß. Ich möchte mir so etwas nicht noch einmal anhören müssen, dazu bin ich zu sensibel. Sobald Doris kommt, werde ich sie nach dieser Superdiät fragen, und diesmal werde ich mich nicht von dir abhalten lassen, sie auszuprobieren, diesmal nicht!“
Triumphierend warf sie den Kopf zurück und blickte Emma herausfordernd an.

Emma, die während Lisas Ausbruch bereits begonnen hatte, ihr Gehirn im gut trainierten Fettverteidigungsbereich nach passenden Gegenargumenten abzusuchen, atmete dennoch erleichtert auf, als es plötzlich an der Haustür klingelte. „Das wird Doris sein“, brummelte sie versöhnlich. „Na, dann wollen wir uns mal überraschen lassen.“

Sie blickte gespannt zur geöffneten Tür, durch die Lisa bereits verschwunden war.
Aufgeschreckt durch unartikulierte, spitze Schreie, die plötzlich aus dem Flur an ihr lauschendes Ohr drangen, erhob sie sich schweratmig und begab sich mit erstaunlicherweise fast anmutig tänzelnden Schritten auf den Flur, um die Ursache für das Geschrei zu erkunden.
Dort angekommen, erstarrte sie mitten in der Bewegung und stierte mit weitaufgerissenen Kuhaugen auf die soeben eingetroffene Doris. Diese stand dort, eingehakt bei einem asketisch mageren, ihr bis zum Kinn reichenden, fast kahlköpfigen Mann und strahlte, als ob sie das große Los gezogen hätte. Was Emma jedoch so sprachlos gemacht und Lisa die spitzen Schreie entlockt hatte, war nicht der Anblick des unadonishaften Mannes, sondern die veränderte Figur von Doris. Sie hatte mindestens 20 Kilo abgenommen, ihr Doppelkinn war verschwunden und um die Körpermitte zeigte sich fast schon wieder so etwas wie eine Taille.

Während Emma sprachlos auf das ungleiche Paar starrte, umflatterte Lisa aufgeregt die neue Doris und ihren Begleiter, der vorsichtig ein großes Kuchenpaket auf seinen Handflächen balancierte. Dabei schnatterte sie wild drauflos:
„Doris, was ist passiert. Wie hast du das gemacht. Erzähl schon, hast du jetzt doch wieder mit dieser Superdiät angefangen? Du mußt mir alles darüber erzählen. Ich will sie unbedingt auch machen. Du glaubst gar nicht, was ich mir heute an den Kopf werfen lassen mußte. Und wer ist dieser nette Herr an deiner Seite?“

Doris lächelte zuckersüß, warf ihrem Begleiter einen schmachtenden Blick zu, legte Lisa gleichzeitig eine Hand um die Schulter und schob sie sanft in Richtung Kaffeetafel. Während die anderen stumm folgten, begann sie mit ihrer Erklärung:
„Kinder, ihr werdet mir diese Geschichte nie glauben“, säuselte sie mit kleinmädchenhafter Stimme und sah zärtlich auf ihren Begleiter herunter, der bis jetzt noch keinen Ton von sich gegeben hatte.
„Ihr wißt doch“, fuhr sie fort, „daß ich damals diese Diät nicht durchgehalten habe. Ich war natürlich todunglücklich darüber, denn ich wollte doch unbedingt meinen Doktor für mich gewinnen.“
Der Mann an ihrer Seite errötete leicht und blickte hingebungsvoll zu ihr auf, Doris blinzelte spitzbübisch zurück.

„Als ich schon ganz verzweifelt war,“ fuhr sie fort, „fiel mir eines Tages, als ich mal wieder bei meinem heimlichen Schatz im Wartezimmer saß, ein Artikel in einer der Lesemappen auf. Fettabsaugung heißt das Zauberwort, stand in diesem Artikel, und es folgte ein ausführlicher Bericht über eine bekannte Fachklinik. Ich wußte sofort, das war die Lösung aller meiner Probleme. Also schrieb ich mir sofort die Adresse auf, verließ umgehend das Wartezimmer, ohne mich weiter um meinen Termin zu kümmern, eilte nach Hause und leitete sofort alle erforderlichen Vorbereitungen in die Wege.
Ich bekam meine Termine, plünderte mein Sparbuch und begab mich zwar ängstlich, aber auch mutig in die Hände des Wundermannes, der meine Zukunft retten sollte. Alles ging glatt, und das Ergebnis seht ihr vor euch.“

Bei diesen Worten glitt ein leichter Schatten über Doris Gesicht, und auch das Antlitz des zuvor so freundlich dreingeblickt habenden Herrn an Doris Arm verfinsterte sich merklich. Emma, die dies wohl bemerkt hatte, runzelte nachdenklich die Stirn. Sollte es etwa noch einen Hoffnungsschimmer geben in der für sie bisher so ungünstig verlaufenen Geschichte? Die Gruppe war inzwischen am Kaffeetisch angelangt, doch keiner machte Anstalten, sich zu setzen, während Doris mit ihrer Geschichte fortfuhr.
„Also, um es kurz zu machen“, strahlte Doris schon wieder, „ich bin nach meiner Rückkehr aus der Klinik sofort zu meinem Doktorchen geeilt, um ihm das Ergebnis meiner Leiden, die ich für ihn auf mich genommen hatte, zu präsentieren und endlich mal ein lobendes Wort aus seinem Mund zu hören.“

Albern kichernd drehte sie sich zu ihrem Begleiter um und drückte ihm einen dicken Kuß auf die Glatze, so daß das Kuchenpaket in seinen Händen bedenklich zu wackeln begann. Doch niemand achtete darauf, alle warteten nur gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte.
„Und dann passierte das Wunder“, jubilierte Doris mit glücklicher Stimme.
„Als mein Doktorchen mich erblickte mit meiner neuen Fettwegfigur, rang er fassungslos nach Luft, stürzte auf mich zu, umarmte mich ganz fest und schluchzte bitterlich: Doris, Doris, was hast du getan? Wo ist dein Busen, dein Bauch, dein wunderbar ausladender Hintern? Stimmt's, Friedbert? Das hast du doch gesagt?“ Strahlend blickte sie den kleinen Mann an ihrer Seite an.

Friedbert, von dem Doris Freundinnen nun wußten, daß er ihr heimlich geliebtes Doktorchen war, nickte abwesend mit dem Kopf und sagte leise:“ Gewiß, Schätzchen, so war es.“
Während er sprach, ließ er Emma keine Sekunde aus den Augen und taxierte genußvoll ihre fülligen Proportionen. Doris, die viel zu aufgeregt und glücklich war, um dies zu bemerken, fuhr eifrig fort zu erzählen:
„Zuerst war ich natürlich vollig verstört, denn mit dieser plötzlichen Wende hatte ich nicht gerechnet. Ich stotterte also herum und erklärte ihm, daß ich es doch nur für ihn getan hätte, weil er mir doch immer gepredigt hatte, daß ich abnehmen müßte.
Friedbert erklärte mir dann, daß es zwar seine Pflicht als Arzt gewesen sei, mir diese Vorschriften zu machen, aber als Mann habe er mich schon immer wegen meiner weichen, fraulichen Gestalt bewundert, sich aber nie getraut, sich mir zu offenbaren. Erst der Verlust der kostbaren Pfunde hätte ihm jetzt die Augen geöffnet, und er würde sich von nun an zu mir bekennen und nichts unversucht lassen, die abgesaugten Kilos so schnell wie möglich zurückzugewinnen. War es nicht so, Schatz?“
Doris hakte sich bei ihrem Doktorchen aus und wollte ihn spontan in die Arme nehmen, doch das Kuchenpaket, das er noch immer auf seinen ausgestreckten Händen balancierte, hinderte sie daran.

„Ach ja, der Kuchen“, rief Doris, nahm Friedbert das Paket aus der Hand und setzte es neben Lisa's Schwarzwälder Kirschtorte auf den Tisch.
„ Zur Feier des Tages, und weil ich ja jetzt wieder tüchtig essen muß, damit ich schnell wieder zunehme, habe ich uns heute noch eine Extratorte mitgebracht. Ein Glück“, wandte sie sich an Lisa, „daß ich beim gleichen Bäcker kaufe wie du. Ich kam gerade dazu, wie er deine Bestellung eingepackt hat. Von irgend jemandem weiß er wohl, daß wir öfter mal zusammen Kaffeeklatschtreffen veranstalten und hat mir geraten, eine andere Sorte zu nehmen, sonst hätte ich womöglich die gleiche Torte gekauft wie du. Wäre das nicht peinlich geworden?“

Doris wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern führte den Doktor fürsorglich zu einem der freien Plätze. Gleich darauf verschwand sie trällernd in die Küche, um das fehlende Gedeck für ihren Schatz zu holen.
Lisa starrte entsetzt zuerst Doris hinterher, dann das Kuchenpaket an, schielte ängstlich zu Emma hinüber und wurde zum drittenmal an diesem Nachmittag knallrot im Gesicht. Sie ahnte, was ihr nun noch von Emma bevorstehen würde. Bei dem Gedanken daran wurden ihr die Knie weich und sie mußte sich an der Lehne ihres Stuhls festhalten, um nicht umzufallen.

Emma aber bekam plötzlich ganz strahlende Augen.
Das leidige Thema Diät war, hoffentlich für immer, aus dieser Runde verbannt. Lisa würde, zumindestens heute, Wachs in ihren Händen sein und das Doktorchen machte ihr schöne Augen, wie sie erstaunt bemerkt hatte. Sie hatte doch gleich gewußt, daß Doris Überraschung wieder einmal nichts als eines ihrer Hirngespinste war, das nach kurzer Zeit wie eine Seifenblase zerplatzten würde.
Doch Emma fühlte kein Mitleid, sondern nur eine wohltuende Schadenfreude in sich aufsteigen. Zufrieden ächzend ließ sie sich auf ihren Stuhl fallen und griff erwartungsvoll nach ihrer Kuchengabel.
Sie wußte, sie würde wieder einmal die uneingeschränkte Herrscherin der Tafelrunde sein.


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