Schreiben erleben

Ich soll euch erzählen, warum ich schreibe?
Ihr wollt wissen, was ich dabei empfinde, was mich motiviert?

Ihr seid sehr neugierig.
Aber wer nichts fragt, kann auch nichts lernen, das ist wohl wahr.
Ich sehe also ein, ihr habt ein Recht, wissbegierig zu sein, doch wie kann ich euch zufriedenstellen?
Das ist eine sehr komplizierte Frage, die ihr euch da ausgedacht habt, da will die Antwort wohlüberlegt sein.

Hättet ihr mich etwas Einfacheres gefragt, etwa, warum ich gerne lese, da wäre die Antwort leicht gewesen. Da hätte ich spontan gesagt: weil ich es kann, hihihihi....weil ich es kann. Entschuldigung, kleiner Scherz von mir.
Das ist aber keine richtige Antwort, hättet ihr euch empört, das mußt du schon ein bißchen mehr begründen.
Warum nicht, hätte ich erwidert, darüber muß ich nicht erst nachdenken, das weiß ich schon sehr lange. Es ist wegen der Bilder, die durch das Lesen wie ein wunderbarer Traum in meinem Kopf erscheinen.
Wenn ich zum Beispiel das Wort Auto lese, dann stelle ich mir sofort eine grüne Ente vor. Nein, nein, nicht dieses quakende Federvieh, solche Enten sind ja auch nicht grün. Ich meine natürlich das Auto, das im Volksmund eben Ente genannt wird, warum, das müßt ihr mich nicht fragen. Ich stelle mir also diese grüne Ente vor, verziert mit ganz vielen Aufklebern, mit offenem Schiebedach, und sofort erinnere ich mich an dieses lustige Abenteuer damals im Sommer, als ich noch ganz viele........schon gut, ich schweife ab, diese Geschichte werde ich euch ein anderesmal erzählen, wenn ihr sie hören mögt.

Dieses Auto, von dem ich gerade lese, ist jetzt aber rot, hat ein kalifornisches Nummernschild und fährt sehr schnell. Da kann meine grüne Ente natürlich nicht mithalten und verschwindet tuckernd im Nirgendwo. Stattdessen sehe ich das Bild dieses wunderschönen roten Flitzers vor mir, mit einem rassigen Italiener am Steuer.
Nun, an einen Italiener hatte der Autor weniger gedacht, als er diese Geschichte schrieb. In seinem Luxuswagen sitzt eine amerikanische Schauspielerin, die zu einem heimlichen Rendevous mit ihrem Liebhaber fährt. Also ändern sich erneut die Bilder in meiner Phantasie. Ihr merkt schon, je mehr Informationen ich über die Handlung bekomme, desto besser kann ich mir die Personen, die Gegenstände, die Orte, die in der Geschichte beschrieben werden, vorstellen. Langsam wird aus dem Lesen ein Träumen. Wie ein unsichtbarer Zuschauer schwebe ich über dem Geschehen und erlebe alles mit fast, als geschähe es mir selbst.
Und wißt ihr, was das faszinierendste daran ist?
Das alles kann man mit Worten erreichen, mit Worten, die man aneinanderreiht und auf ein Blatt Papier schreibt. Man kann mit Worten, wenn man sie nur gut genug zusammenstellt, andere Menschen zum Träumen bringen.

Träumt ihr auch gerne?
Von mir sagt man, ich sei eine Tagträumerin, und da haben die Leute ausnahmsweise einmal recht. Schade ist nur, daß ich gar nicht alle Träume behalten kann, denn viele sind sehr schön, und ich würde sie gern öfters anschauen. Aber jeder weiß, daß man Träume ganz schnell wieder vergißt, wenn man sie nicht sofort aufschreibt.
Also habe ich mir ein kleines Notizbuch gekauft, das ich immer bei mir trage. Dahinein notiere ich mir sofort alles, woran ich mich noch erinnern kann, wenn ich plötzlich aus einer Phantasievorstellung zurück in die Wirklichkeit geholt werde. Dann kann ich später, wenn ich Zeit habe und mich niemand mehr hindert, die Worte noch einmal lesen, den Traum noch einmal träumen. Und weil mich in dieser Zeit niemand stört, so wie ihr gerade, kann ich träumen und träumen und zwischendurch alles aufschreiben und weiterträumen, so lange ich nur will.
Unmöglich, sagt ihr? Ihr habt ja recht, ich übertreibe manchmal. Sicherlich werde ich irgendwann einmal müde, oder mein Magen knurrt mich an, weil ich ganz vergessen habe, ihn zu füttern, eben solche Dinge halt, dann ist der Traum natürlich erst einmal weg. Das macht aber gar nichts, denn ich habe ja alles aufgeschrieben und kann es jetzt nicht mehr vergessen.

Dieses träumen und aufschreiben, den Faden weiterspinnen und wieder festhalten setze ich solange fort, bis der Traum nicht mehr weitergehen will. Dann bin ich ganz traurig und versuche immer, ihn noch einmal anzustupsen, ein wenig an ihm zu ziehen, aber meistens klappt es nicht. Zu Ende ist zu Ende, auch bei einem Traum.
Nein, nein, das ist nicht schlimm, das müßt ihr nicht denken.
Ich hab den Traum doch eingefangen, ich hab's euch eben noch erklärt, hört ihr mir denn gar nicht richtig zu? Er kann mir jetzt nicht mehr entkommen, der Traum, denn ich habe ihn für immer auf das Papier gebannt. Und wißt ihr, was dabei noch sehr schön ist?
Wenn ich meinen Traum später noch einmal nachlese, kann ich mich wieder so gut an alle Einzelheiten erinnern, daß ich gleich merke, wenn ich etwas vergessen habe oder, weil ich ja immer so schnell schreiben muß, irgendetwas durcheinandergebracht habe. Das kann ich jetzt in aller Ruhe berichtigen. Dabei fällt mir dann ein, daß andere Menschen auch gern träumen. Vielleicht möchten sie ja meine Geschichte mitträumen, überlege ich und wähle meine Worte mit äußerster Sorgfalt, es soll doch allen gefallen, was sie von mir lesen. Ein paar Geheimnisse behalte ich aber für mich, das muß so sein, daß könnt ihr sicher verstehen.
Ich bin rot geworden? Ja nun....... es ist sehr heiß hier und das viele erzählen ist sehr anstrengend, da kann man sich schon leicht überhitzen.
Es bleibt ohnehin nur noch wenig zu berichten, laßt mich also zum Ende kommen.
Ohne meine Erlebnisse, die niemanden etwas angehen, sind die geträumten Geschichten oft etwas farblos. Wie sagt die Jugend von heute? Diesen Geschichten fehlt der Kick. Da weiß ich aber eine Lösung, wie ich etwas Farbe in die Handlung bringen kann. Wie eine Köchin, die mit Gewürzen nicht spart, verfeinere ich die kastrierte Handlung mit ausgedachten Episoden, füge großzügig ein paar erlesene Gedanken hinzu, spare nicht an ausgewählten Wortschöpfungen, schmecke ab, indem ich mir die Geschichte selbst laut vorlese und erhoffe mir zum Schluß, daß meine sorgfältig zubereitete Buchstabensuppe meinem geneigten Leser schmeckt.

Oh, habt ihr es bemerkt? Nun habe ich doch noch eure Frage beantwortet, ganz ohne es zu wollen. Es war also doch nicht so kompliziert, wie ich es erst gedacht hatte. Im Gegenteil, es war wirklich einfach.
Ja, so ist das mit mir. Wenn ich erst einmal ins Erzählen komme, dann fallen mir immer die tollsten Erfindungen ein, dann träume ich sogar beim Sprechen.
Was ich damit ausdrücken will? Ich will damit sagen, daß alles, was ich euch eben über das Schreiben erzählte habe, reine Phantasie war. Gut, ich habe euch belogen, aber da seid ihr selbst dran schuld, was müßt ihr auch so unmögliche Fragen stellen.

Ich kann euch doch wohl nicht erzählen, wie mir zumute ist, wenn ich stundenlang auf ein leeres Blatt Papier starre und mir nichts einfällt, was es wert wäre, anderen Menschen mitgeteilt zu werden. Ihr wollt bestimmt nichts darüber hören, wie ich mich manchmal quälen muß, wenn ich verzweifelt meine Erinnerungen durchwühle nach einem Erlebnis, einem Abenteuer oder wenigstens einer winzigkleinen Idee für eine Geschichte, wie sich der Papierkorb langsam füllt mit Papierknäueln, vollgekritzelt mit wirren Gedankenfetzen, wie ich schließlich entnervt nach Stunden ergebnisloser Suche aufgebe und mir schwöre, nie wieder den Versuch zu starten, eine Autorin zu werden. Nein, das würde nicht eurer Vorstellung von einer Schriftstellerin entsprechen, deshalb bleibe ich doch lieber bei meiner Traumgeschichte.

Bitte entschuldigt meinen kleinen Ausbruch, aber ich erwähnte ja schon, daß ich zu Tagträumereien neige. Ich glaube, ich hatte soeben einen schrecklichen Tagalptraum, den wollen wir doch alle zusammen ganz schnell vergessen, einverstanden? Ja, dann macht es mal gut, vielleicht sehen wir uns mal wieder?


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