Kaffee oder Tee

„Dieses Jahr fahren wir nach England“, sagte mein Mann wildentschlossen, nachdem er mir eine Weile kopfschüttelnd dabei zugesehen hatte, wie ich im Internet die Reiseangebote durchforstete.

„Du weißt, das wünsche ich mir schon lange, einmal mußt du ja doch nachgeben“, forderte er mich heraus und flüchtete vor meinem entsetzten Gesichtsausdruck in die Küche, um sich einen Tee zuzubereiten.

Er liebt seine Teezeremonie und er liebt England und die spleenigen Engländer. Okay, ich habe nichts gegen England und die Engländer, ich habe auch nichts gegen Tee, warum auch, solange ich ihn nicht trinken muß.
Aber ich habe etwas dagegen, daß es in England keinen Kaffee gibt, jedenfalls keinen richtigen, das ist eine allgemein bekannte Tatsache.

Kaffee ist mein Lebenselexier, mein Muntermacher, meine unerschöpfliche Energiequelle, mein treuer Begleiter durch die Mühen und Plagen des Tages, Kaffee ist mein allerbester Freund. Wenn ich morgens aufwache, packt mich sofort ein gieriges Verlangen nach diesem köstlichen Überlebenstrank. “Kaaaaffffeeee“, stöhne ich und versuche mühsam, ein Auge aufzumachen. Ohne meinen anregenden Freund ist das eine mühsame Angelegenheit. Mit viel Anstrengung und manchmal unter Zuhilfenahme der Finger öffne ich das rechte Auge, es fällt von alleine wieder zu. Also noch einmal von vorne: rechtes Auge auf, zu, auf, zu, auf....das linke Auge muß mir jemand während des Schlafens zugeklebt haben, es läßt sich nicht bewegen. Egal, jetzt muß ich nur noch den Weg in die Küche finden, dann bin ich gerettet. Die Kaffeemaschine, am Abend vorher sorgfältig auf ihre Aufgabe vorbereitet, starrt mich erwartungsvoll an, ich blinzele mit einem Auge zurück, strecke den Zeigefinger aus und drücke auf den Knopf. Die rote Lampe leuchtet auf, fast sofort fängt es an zu zischen und zu brodeln und ein köstlicher Duft steigt mir in die Nase. Dann der erste Schluck....oh wundervolle Welt. Mein linkes Auge erwacht langsam aus dem Koma und öffnet sich blinzelnd, meine kleinen grauen Zellen recken und strecken sich noch einmal, um dann langsam mit ihrem Tagewerk zu beginnen. Erste Gedanken blitzen durch meinen Kopf, ich werde endlich wach.

Wie soll ich England überleben ohne meinen Morgenkaffee und die vielen weiteren Tassen, die dieser ersten, herrlichsten gewöhnlich im Laufe eines Tages folgen? Unmöglich, undenkbar, nein, nein, nein. „Du bist genau so süchtig nach deinem Kaffee wie ein Alkoholiker nach seiner Schnapsflasche“, sagt mein Mann oft zu mir, aber das stimmt nicht. Wie kann er nur solche Vergleiche anstellen? Schön, stimmt, ich trinke meine 1, 2, 3 Kannen Kaffee am Tag, aber deshalb bin ich doch nicht süchtig. Ich brauche den Kaffee , um fit und leistungsfähig zu sein, schließlich übe ich einen anstrengenden Beruf aus. Das ständige Herzflattern, die Nervosität, die Schweißausbrüche, alles Anzeichen von zu viel Streß, sagt mein Arzt, Sie brauchen mehr Ruhe. Na bitte, und wo bekomme ich mehr Ruhe als bei einer kurzen Erholungspause mit einer schönen Tasse Kaffee?

Nie werde ich diesen scheußlichen Sonntag vergessen, als plötzlich kein Kaffee mehr im Haus war. Ich war den ganzen Tag quengelig, bekam scheußliche Kopfschmerzen und war absolut nicht in der Lage, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Mein Mann weigerte sich strikt, mir Kaffee von der Tankstelle zu besorgen und hielt mir stattdessen einen Vortrag über seinen geliebten Tee. Tee regt an, ohne aufzuregen, Tee ist gesund, er hat sogar Heilkräfte, Tee hat eine uralte Tradition, schon im alten China blablabla. Ich habe damals eine Tasse von seinem Tee probiert, aber er hat mich nicht angeregt, sondern es hat mich nur noch mehr aufgeregt, daß ich keinen Kaffee hatte.
„England, ich komme nicht“, dachte ich verzweifelt. Aber wie sollte ich das meinem Mann erklären? Ich brauchte ein paar vernünftige Argumente, um ihn umzustimmen.

Nachdenklich schlenderte ich in die Küche. Mein Mann saß am Küchentisch und fixierte die Teeuhr. Wenn man die anregende Wirkung von Tee wünscht, muß er eine ganz bestimmte Zeit lang ziehen und mein Mann wollte diesen Zeitpunkt auf keinen Fall verpassen. Daher funktionierte er die Eieruhr einfach in eine Teeuhr um.
„Schatz“? fragte ich vorsichtig, aber mein Mann unterbrach mich abrupt. „Ich weiß schon, was du sagen willst“, polterte er los, „du willst nicht nach England, weil es dort keinen vernünftigen Kaffee gibt, aber das eine sage ich dir...“

„Nein, nein“, rief ich schnell dazwischen, ehe er mir wieder einen Vortrag über meinen unvernünftigen Kaffeekonsum halten konnte. „Es stimmt schon, ich würde den Kaffee vermissen, aber dir zuliebe würde ich das gerne ertragen.
Da ist aber noch eine anderes Problem, ein viel schlimmeres.
Du weißt doch, ich arbeite als Postbotin, und da muß ich jeden Tag raus, ob es stürmt oder schneit, bei Wind und Wetter. Vielleicht ist es dir ja nicht aufgefallen, weil du warm und trocken in deinem Büro sitzt, aber es hat seit 3 Wochen jeden Tag geregnet. Jeden Tag, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, gucke ich erst mal nach, ob mir schon Schwimmflossen zwischen den Fingern gewachsen sind. Und England ist das Land, wo es immer regnet. Die Engländer kommen schon mit einem Regenschirm in der Hand auf die Welt, für die ist Regen ganz normal, aber für mich doch nicht.“

Langsam kam ich in Fahrt und steigerte mich regelrecht in meine Selbstmitleidsrolle hinein. „Denk doch auch mal an mich“, schrie ich, „das ist auch mein Urlaub. Hab ich nicht auch mal ein bißchen Sonne verdient? Glaubst du, es bringt Spaß, jeden Tag stundenlang durch den Regen zu marschieren, klitschnaß zu werden, zu zittern vor Kälte und weit und breit kein Kaffee zum aufwärmen in Sicht?“

Die Eieruhr fing an zu rasseln. Mein Mann stand auf, nahm den Teefilter aus der Kanne und stellte ihn in die Spüle. Dann drehte er sich zu mir um und sagte grinsend:“Liebling, wenn dir das hier alles zu viel wird, steig doch aus, mach einfach mal was ganz Neues. Wie wär's denn mit Kaffeepflückerin in Brasilien?“

Ich stutzte. Hmm, eigentlich gar keine so schlechte Idee...


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